Andacht aus dem Pfarrsprengel Päwesin

Unser Andachtsblatt für zu Hause 

Sonntag, 28. Februar 2021

Reminiszere

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Der heutige Sonntag heißt Reminiszere („Gedenke!“) und bezieht sich auf Psalm 25,6: „Gedenke, HERR, an deine Barmherzigkeit und an deine Güte, die von Ewigkeit her gewesen sind!“

Wir Menschen sind immer wieder der Barmherzigkeit und Vergebung bedürftig. Das spiegelt auch der Bibeltext für diesen zweiten Sonntag in der Passionszeit.

Lesung

Der Lesungstext für diesen Sonntag ist das sogenannte Weinberg-lied. Nimm eine Bibel zur Hand und lies im Alten Testament, im Buch des Propheten Jesaja, Kapitel 5, Vers 1 bis 7.

Impuls

An den frühlingshaften Tagen der letzten Woche, hat es mich in fast jeder freien Minute hinaus in den Garten gezogen. Und obwohl ich auch die Kälte der Wintertage genossen habe, stellt sich bei mir langsam ein Gefühl von Aufatmen und Aufbruch ein. Ich spüre die stärker werdende Kraft der Sonne auf der Haut. Und hier und da kann ich schon erblicken, wie das Leben wieder aus dem Boden sprießt. Ich stelle mir die Frage, welche der Pflanzen, die wir im letzten Jahr gesetzt, wohl Schnee und Eis überstanden haben? Wo sind schon die ersten Knospen zu entdecken? Wie sehen die Obstbäume und der Weinstock aus? – Bald gibt es auch hier draußen wieder genug zu tun. Das ist sicher Arbeit, aber zugleich

eine große Freude! Zumindest für mich und die unter Euch, die es auch lieben, im Garten zu wirbeln und dabei die Natur zu bestaunen. Wenn dann die ersten Bienen und Hummeln noch torkelnd durch die Luft fliegen, geht mir immer ein wenig das Herz auf.

Aber was, wenn es nicht gelingt? Wenn trotz aller Mühe und investierter Liebe das Wachstum ausbleibt? Wenn ich alles getan habe, was in meiner Macht steht, und es trotzdem nichts wird? So ergeht es im heutigen Bibeltext Jesajas „Freund“, der seinen Weinberg hegt und pflegt, und dann miterleben muss, dass die gute Frucht ausbleibt. Da vergeht ihm die Freude an seinem Weinberg! Voller Zorn möchte er alles dem Erdboden gleich machen: einreißen, zertreten, brach liegen lassen.

Natürlich geht es dem Propheten Jesaja in seinem Lied nicht um Gartentipps und grüne Daumen. Die geschilderte Szene ist ein Bild, ein Gleichnis. Dessen Auflösung hören wir bereits vom Propheten selbst: „Des HERRN Zebaoth Weinberg aber ist das Haus Israel und die Männer Judas seine Pflanzung, an der sein Herz hing. Er wartete auf Rechtsspruch, siehe, da war Rechtsbruch; auf Gerechtigkeit, siehe, da war Geschrei über Schlechtigkeit.“

Manch einem kam in der Vergangenheit bei diesen überlieferten Worten der Gedanke, Gott habe sein erwähltes Volk aufgegeben oder verworfen. Manch eine sah darin gar die Rechtfertigung, Menschen jüdischen Glaubens anzufeinden. – Ein folgenschwerer, voreiliger und falscher Schluss! Das, was Jesus in solchen Frage-stellungen gern sagte, gilt nämlich aus meiner Sicht noch immer: „Wie kannst du zu deinem Bruder oder deiner Schwester sagen: ›Komm her, ich will dir den Splitter aus dem Auge ziehen‹, wenn du selbst einen ganzen Balken im Auge hast?“ (Mt 7,3-5 // Lk 6,41-42 u.ö.) Recht hat er! Wenn wir als Christinnen und Christen uns selbst als Teil des Weinbergs Gottes verstehen – um weiter im Bild zu sprechen –, so wächst daraus auch für uns die Verpflichtung, uns zu

prüfen und zu fragen: Welche Art Frucht bringe ich eigentlich in Gottes Garten?

Der Weinberg begegnet im Alten Testament an verschiedenen Stellen. Er ist dabei oft ein Sinnbild. Nicht nur für das Volk Gottes, sondern auch für die Beziehung zwischen Menschen – und manchmal auch für jene zwischen Gott und Mensch. Gewisse gärtnerische Parallelen liegen auf der Hand: Auch Beziehungen bedürfen der liebevollen Pflege, der Geduld, des genauen Hinschauens, was der oder die andere braucht. Sie sind keine Selbstläufer. Wenn eine Beziehung Frucht bringt, werden wir glücklich. Bleiben spürbare Früchte dagegen aus, ist die Enttäuschung oft groß. Wenn du merkst: Ich habe so viel eingebracht und von mir selbst gezeigt und am Ende kommt nichts zurück.

Jesajas Lied beginnt voller positiver Aussichten, voller Zuneigung. Man könnte meinen, dass der Weinbergbesitzer bei all der inves-tierten Arbeit bald auch ernten kann, was er gesät hat. Aber nein! Die einzigen sichtbaren Früchte sind schlechte Trauben. Enttäu-schung und blinde Wut folgen. Er ist außer sich. Vielleicht nachvollziehbar für alle unter uns, denen es schon einmal ähnlich ging.

In Jesajas Bildsprache ist es Gott, der tobt. Er klagt und zürnt über die Menschen, die er liebt. Die er gehegt und gepflegt hat – wie eine Winzerin ihren Weinstock, wie ein Gärtner den Garten. Doch die Menschen leben in Bosheit und lassen zu, dass Unrecht geschieht. Manchmal wünsche ich mir auch heute diesen tobenden Gott. Er soll doch endlich einmal Einhalt gebieten! Wenn Menschen Leid zugefügt wird, aus welchen seltsamen politischen, religiösen, rassistischen oder sonstigen Gründen auch immer! Wenn wir wieder einmal selbst Gott spielen und die Welt und unsere Mitgeschöpfe so behandeln, als hätten wir das Recht, uns und unsere Interessen über alle und jedes zu stellen. Dann wünsche ich

mir den tobenden Weingärtner, der sich seine schlechten Gewächse zur Brust nimmt …

Doch mein Wissen über Gott ist Stückwerk. Gott ist offenbar viel mehr als das, was wir Menschen über ihn sagen oder denken können. Und alle Bemühungen, ihn ganz zu erfassen, bleiben vermutlich begrenzt. Und wenn ich mich wirklich hineindenke in den heutigen biblischen Text, dann möchte ich eigentlich mir selbst die Frage stellen: Ist denn mein Handeln und Denken etwas, womit ich Gottes Liebe entspreche? Passt das, was ich tue, was ich denke, wie ich anderen begegne, zu der Botschaft von Gottes Liebe?

Glaube ist ein Geschenk. Davon bin ich überzeugt. Glaube kann man weder erzwingen noch einfach so herstellen. Und zugleich erfordert eine Beziehung zu Gott auch echte Arbeit. Das deckt sich mit dem, was das Weinberglied im Jesajabuch auf seine Weise mit den guten Früchten zum Ausdruck bringt.

Wachstum und gute Frucht brauchen bei aller letztlichen Unberechenbarkeit in jedem Fall Nährstoffe, Zuwendung und Geduld. Das ist im Garten so; zwischen uns Menschen; aber auch in der Beziehung zu Gott. Manche Menschen nutzen gerade die Passionszeit dazu, ihre Beziehung zu Gott ganz bewusst zu pflegen. Das geht vielleicht nicht schnell und billig, aber es lohnt sich, denn die Chancen stehen gut, dass etwas Fruchtbares draus erwächst.

Amen.

Gebet

Gärtnernder Gott, du bist langmütig und voller Liebe.

Das Weinberglied ist nicht das Ende des biblischen Zeugnisses.

Stattdessen fängst du immer wieder neu mit uns an.

Hilf uns, das zu erkennen und es anzunehmen.

Bei dir ist Vergebung.

Lass uns nicht fallen und vollende dein Werk an uns in Ewigkeit.

Amen.

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