Asylbewerber in Lohn und Brot

Beziehungen sind das halbe Leben, sagt man. Aber sie allein hätten keinesfalls ausgereicht. Der Erfolg hat bekanntlich viele Väter und die Rede ist von einer wahrhaftigen Erfolgsgeschichte. Bis vor 15 Jahren arbeitete die Brückerin Martina Goebel selbst noch bei Marché International, der zur Mövenpick Holding AG gehörenden Schweizer Restaurantkette. Dort gab es bis vor kurzem 2.753 Mitarbeiter - weltweit. Jetzt sind es ein paar mehr.
Wie schon mehrfach, suchte Martina Goebel zusammen mit ihrem Mann Richard – beide bei „Brück hilft“ - passende Jobs für Asylbewerber in der Region. Dabei kam man vor fast vier Monaten auf den ehemaligen Arbeitgeber an der A 9. In den Autobahnrestaurants Marché Fläming Ost und West bat man um Bedenkzeit, um kurz darauf die ersten beiden Ausländer während eines Praktikums auf Probe arbeiten zu lassen. Und das ungeachtet ihrer damals mangelhaften Deutschkenntnisse, geschweige denn einer sachgerechten Ausbildung in dieser Branche.
Doch bis zu den ersten Arbeitstagen der sechs Afghanen sollte noch so mancher Hürdenlauf durch die Amtsstuben folgen. Das Ganze für die Goebels ein höchst nervenaufreibendes und zeitaufwändiges Procedere, das sie freilich auch manchen privaten Euro kostete. Bereits in dieser Anfangsphase hatte die Geschäftsleitung von Marché Restaurants im Fläming signalisiert, dass Nazir Azad und Amini Ramazan Ali und vier weitere Landsleute sofort einen Arbeitsvertrag bekämen, „wenn alles gut laufe“. Richard Goebel betonte im Nachhinein: „Die Zusammenarbeit mit Arbeits- und Gesundheitsamt lief wirklich hervorragend. Da wurde wegen der dringend benötigten Gesundheitspässe sogar mal eine Sonderschicht eingelegt. Also von Amtsschimmel kann nach unseren Erfahrungen absolut keine Rede sein, im Gegenteil! Das hat uns schon ziemlich begeistert, dass unsere Energie und Ungeduld überall prompt auf offene Ohren gestoßen sind.“ Auf das Ergebnis sind die Goebels nun völlig zu Recht stolz.
Unterdessen neigt sich die Probezeit für die Afghanen bei Marché International in den beiden Restaurants Fläming Ost und West dem Ende zu. Alle sechs werden übernommen. Vor diesem Hintergrund wollten sich die Asylbewerber auf ihre Weise bei der Belegschaft links und rechts der Autobahn bedanken. Jedem wurde im Beisein der Familie Goebel eine Rose überreicht – eine liebenswerte Geste, die es so wahrscheinlich noch nicht gegeben hat. Bei dieser Gelegenheit wurde auch eindrucksvoll deutlich, wie beliebt die „Neuen“ in der Stammbelegschaft jetzt schon sind, Betriebsassistentin im Marché Restaurant Anja Scharfenberg: „Genau genommen, waren wir personell nicht unterbesetzt. Wir haben es einfach mal probiert und es hat wirklich hervorragend geklappt. Zwei von ihnen haben einen festen Arbeitsvertrag. Die Anderen folgen in Kürze. Man freue sich sehr darüber, hieß es. Das Ergebnis ist eine win-win-Situation für beide Seiten. So merke man den Afghanen an, „dass sie wirklich Lust darauf haben, hier auch etwas zu leisten“. In etlichen Bereichen würden sie schon jetzt völlig selbstständig und eigenverantwortlich arbeiten – und das auf erstaunlich hohem Niveau. Weder von den Gästen, noch von den Kollegen hätte es bis jetzt Anlass zu irgendwelchen Klagen gegeben. Anfangs sei mit Händen und Füßen verständlich gemacht worden, was man wolle. Unterdessen klappe die Verständigung schon besser. Abgesehen von „Brück hilft“ will Marché International parallel Deutschkurse durchführen – entweder mit oder ohne finanzielle Unterstützung durch das Arbeitsamt. Scharfenberg: „Da wir vor den Gästen frisch kochen und zubereiten, muss die deutsche Sprache unbedingt beherrscht werden.
Die Geschichte des Afghanen Nazir Azad und dessen Fluchtgründe sind symptomatisch. Der 26-Jährige durfte zu Hause nie eine Schule besuchen. Den ersten Unterricht seines Lebens erhielt er in Brück– in diesem Fall ein Deutschkurs. Seine beiden jüngeren Schwestern waren bereits als Teenager älteren Männern zur Hochzeit versprochen worden, selbstverständlich gegen ihren Willen. Als die Heiratstermine unmittelbar bevorstanden, flüchtete Nazir Azad mit ihnen in Richtung Europa. Beide sind aber nicht mit nach Deutschland gekommen.
Richard Goebel: „Die Afghanen haben plötzlich ein ganz anderes Selbstwertgefühl bekommen. Sie verdienen ihr eigenes Geld. Es wäre wirklich sehr wichtig, wenn sie jetzt auch noch irgendwo Wohnraum bekämen. Klar wollen sie nun so bald als möglich raus aus dem Asylbewerberheim - zumal sie ja für die entstehenden Kosten ab sofort auch aufkommen müssen – „und zwar nicht zu knapp. Das wird unsere nächste riesige Herausforderung.“
Längst hat sich das Engagement von „Brück hilft“ im Allgemeinen und den Goebels im Besonderen unter den anderen Asylbewerbern herumgesprochen. Richard Goebel: „Unsere Wohnung in Brück Ausbau wird nicht ohne Grund Klein-Kabul genannt. Auch heute Abend haben wir wieder Besuch. Das weckt natürlich Begehrlichkeiten, wenn andere erfolgreich in Arbeit vermittelt wurden, aber so einfach ist es ja nicht.“ Insofern scheint`s auch kein Wunder, dass die Goebels von ihren ausländischen Gästen mit der größten Selbstverständlichkeit mit Mama und Papa angesprochen werden.
Erst wenige Tage ist es her, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel, CDU, an die Unternehmer in Deutschland appelliert hatte, mehr für die Integration von Asylbewerbern in den Arbeitsmarkt zu tun. Brück hat soeben ein klassisches Beispiel dafür geliefert, wie es mit gutem Willen, Beharrlichkeit und viel gegenseitigem Verständnis von allen Seiten funktionieren kann. Dafür gab`s die Rosen. Merci, Marché!  (Text und Foto: Rainer Marschel/„Brück hilft“)

Foto: Rosen nicht nur für Betriebsassistentin Anja Scharfenberg (3.v.r.) von Marché International, dem Autobahnrestaurant Fläming Ost an der A 9. Auch jeder andere Mitarbeiter erhielt als Dank für die kollegiale und ausgesprochen freundschaftliche Aufnahme der Afghanen als neue Mitarbeiter eine Rose.